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Ja
Fragen und Antworten rund ums Buch
15.01.2017 11:07

 

Frage:

Warum nennt man einen bücherbegeisterten Menschen und Vielleser einen "Bücherwurm"?

Antwort:

Weil er sich, wie der Holzwurm in der alten Kommode, durch die Buchseiten arbeitet, um sie zu verschlingen.

Ergänzung:

Manchmal begegnet einem auch der Begriff der "Leseratte". In meinen Ohren klingt dieser allerdings eher unschön. Da Ratten sich auf alles und jedes Fressbare stürzen, um es wahllos in sich hineinzustopfen, scheint es Lesern dieser Art eher um (Lese)Masse denn um (Lese)Klasse zu gehen. Insofern ziehe ich das Bild des genußvoll im Blätterstapel schwelgenden Bücherwurmes eindeutig vor.

 

Frage:

Warum nennt man ein voluminöses, abgegriffenes Buch einen "alten Schinken"?

Antwort:

Weil solch ein Buch einem Schinken ähnlich lange abgehangen (respektive im Bücherregal gestanden) hat, um zu reifen und zu solch einer besonderen Kostbarkeit zu werden.

 

Frage:

Warum bezeichnet man das Lesen insbesondere dicker Bücher auch als "Schmökern"?

Antwort:

Weil man dicke, oft mehrbändige Bücher wie Lexika und Nachschlagewerke nicht gerade eben wie ein handliches Buch von vorne bis hinten und Kapitel für Kapitel durchliest. Solche Werke sind wie eine Bonbonniere mit den unterschiedlichsten Süßigkeiten darin. Kein vernünftiger Mensch käme da auf die Idee, den ganzen Glasinhalt aufzuessen. Vielmehr handelt es sich hier um ein Angebot und jeder sucht sich die Sorte heraus, die er besonders mag. Schmökern bedeutet daher so viel wie Einzelnes herauspicken, schnucken oder naschen.

Ergänzung:

Auch das Lesen eines spannenden oder amüsanten Buches wird als "Schmökern" bezeichnet. In diesem Falle jedoch stelle man sich eine Packung Naschwerk vor, die man sich (analog zum Popcorn im Kino) während der anregenden und unterhaltsamen Lektüre nach und nach einverleibt.

 

Frage:

Warum nimmt man zum Lesen stets "ein gutes Buch" zur Hand?

Antwort:

Das Gegenteil, also ein langweiliges, uninteressantes und unverständliches Buch wäre reine Zeitverschwendung. Und welcher Leser hat schon Zeit, um sie mit dem Lesen von Unsinn oder Unverständlichem zu vertun? Es gibt so unendlich viele verlockende Leseangebote, die uns geheime und unbekannte Welten auftun, die uns auf Abenteuerfahrt mitnehmen und uns weit zurück in die Vergangenheit oder in eine ferne Zukunft schauen lassen. Alles was unseren Geist und unsere Sinne stärkt, erweitert und Nahrung gibt, das ist gut für uns. Es verleiht uns ein gutes Gefühl, fördert gute Gedanken und tut der Seele gut. Manchmal werden Bücher sogar zu Lebensbegleitern und guten Freunden. Darum wohl nennen wir sie "gute Bücher". 

 

Frage:

Warum spricht man beim Suchen nach einem Buch vom "Stöbern"?

Antwort:

Das Bild, das mir in diesem Zusammenhang vor Augen steht, ist ein Schneegestöber, wenn unzählige Schneeflocken zur Erde rieseln und regnen. Jedes Flöckchen treibt in der dichten Herde dahin, um letztendlich irgendwo zu landen: auf einem Gartenzaun, in einem Gully oder auf einer Hundenase. Beim Stöbern nach einem Buch ist es ähnlich: man sucht nach etwas und hat ein riesiges, verlockendes Angebot vor sich. Das Schöne dabei ist, dass man nichts Bestimmtes benötigt, sondern sich ganz entspannt und unverbindlich wie die Schneeflocke treiben lassen kann und gespannt sein darf, bei welchem Werk man schließlich landen wird.

 

Frage:

Warum nennt man die Rückseite eines Buches “Buchrücken”?

Antwort:

Wer einem anderen den Rücken zukehrt, wendet sich von ihm ab (meistens verbunden mit einem Sichverstecken und Schützen der empfindlichen Vorderseite) oder er versucht gar wegzulaufen. Da Bücher nicht laufen können, bleibt nur die Erklärung des Schutzes. Dabei könnte man ihren Einband durchaus als Mantel ansehen, den sie sich überziehen, um ihr Inneres vor Hitze, Kälte und Feuchtigkeit zu schützen. Stellt man sich ein Buch nun wie einen Menschen vor und nimmt die Bezeichnung “Rücken” wörtlich, so wären die vorderen und hinteren Buchdeckel entsprechend als Arme und der als “Buchblock” bezeichnete Bund der Buchseiten als Körper anzusehen.

Allgemein heißt es ja, dass Bücher auf einem Bücherregal “stehen”. Dieses Bild wäre jedoch zu korrigieren, denn richtigerweise (wie wir jetzt wissen) “sitzen” Bücher auf dem Regal und zwar, um genau zu sein, mit dem Rücken nach außen. Wo aber ist der Kopf des Buches? Nun, ich denke, Bücher brauchen dieses Körperteil nicht, denn wer wissen will, was in ihnen vorgeht, der schlägt sie auf und liest. Mit den Füßen ist es ähnlich, Bücher brauchen auch diese Körperteile nicht. Sie müssen und wollen keine Show aufführen, um  sich anzupreisen, sondern sie sitzen ruhig und in sich gekehrt da. Sie wollen gefunden werden und warten geduldig auf ihre Entdecker. Dies hatte in der Geschichte wiederholt den Nachteil, dass unliebsame Bücher verheerenden Bücherverbrennungen zum Opfer fielen, wenn sie nicht rechtzeitig von Buchliebhabern unter Einsatz des Lebens versteckt wurden.

Die meiste Zeit über sitzen Bücher also einfach nur da und warten, wobei sie sich, Rücken an Rücken, gegenseitig Halt geben. Wahrscheinlich dösen und dämmern sie dabei vor  sich hin oder befinden sich sogar in einer Art Tiefschlaf. Man könnte sie also auch als “Sitzschläfer” bezeichnen. Ganz im Gegensatz zu den Menschen wären bei ihnen nur die wenigsten, nämlich die auf dem Einband liegenden, zu den “Seitenschläfern” zu rechnen. Dem hoffentlich wachen Besucher einer Bibliothek begegnen sie darum eng zusammen-gerückt mit dem Ziel, von ihm "herausgerückt” zu werden - aus dem Buchregal nämlich.

 

Frage:

Warum spricht man von “Verschlingen”, wenn man ein Buch nicht eher zur Seite legt, bis man es ausgelesen hat?

Antwort:

Interessanterweise begegnet uns auch hier wieder der Bezug zum Essen. Wenn wir uns einen Menschen vorstellen, der sein Essen hinunterschlingt, so mag dies zwei Ursachen haben: erstens er hat einen Riesenhunger und stopft so schnell wie möglich so viel wie möglich in sich hinein oder zweitens er befürchtet, dass ein anderer ihm etwas wegnehmen, respektive wegessen könnte und versucht mit seinem Schlingen diesem anderen zuvorzukommen und sich so viel wie möglich selbst einzuverleiben.

Mit diesem Bild des Schlingens verbunden sind demnach stets eine gewisse Hast, Beliebigkeit und Gier. Es geht dabei nicht um Genuß, um eine möglicherweise das Essen begleitende Unterhaltung oder ausreichendes Zerkauen, Einspeicheln und anschließendes Verdauen. Als Folgen dieser Art zu essen treten daher regelmäßig Völlegefühl und Verdauungsprobleme auf.

Ein Bonmot sagt: “du bist, was du isst”. Abgewandelt müßte es hier heißen: “du bist, wie du isst”. Lassen wir uns darum nicht anstecken! Ein spannendes und mitreißendes Buch ist viel zu schade, um es schnell in sich hineinzustopfen, nur um das Ende zu erfahren. Wer so liest, kommt zwar ans Ziel, aber er hat einen Großteil des Weges verpaßt. Da der Weg aber Teil des Zieles ist, wird diesem Leser stets etwas Entscheidendes fehlen. Darum: machen wir es wie bei einem angenehmen und ausgedehnten Abendessen mit Freunden: nicht schlingen, sondern schnabulieren. Dann bleibt auch immer noch “Platz” für einen leckeren Nachtisch.

 

Frage:

Was versteht man unter einem “Wälzer”?

Antwort:

Gemeinhin denkt man hier an ein dickes, unförmiges und nur schwer anzuhebendes Buch. Es ist so massig wie ein Felsblock, den man kaum zu bewegen vermag. Im besten Falle rollt oder wälzt man ihn mühsam dorthin, wo man ihn haben möchte.

Schon haben wir das Bild des Sisyphus vor Augen, wie er einen riesigen Stein nicht nur vor sich herrollt, sondern sogar den Berg hinauf. Kann das gut- gehen? Oder wird es so kommen wie in der griechischen Mythologie, dass der Stein (sei es durch die Schwerkraft oder den Fluch der Götter) immer wieder nach unten rollt? Vielleicht soll in dem Bild des Sisyphus auch nur ausgedrückt werden, dass man einen “Wälzer” nie auslesen, d.h. abschließen kann, sondern mit seiner Suche, seiner Arbeit und Forschung immer wieder neue Ansatzpunkte darin findet.

Übrigens gibt es auch das Verb vom (Bücher) “wälzen”, was so viel besagt wie eine Unmenge von Lesestoff zu durchforsten oder auch in einer (relativ) großen Menge von Informationen nach einem (relativ) kleinen Hinweis zu suchen. Auch dies eine Sisyphusarbeit.

© HB

 

 

Munki

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