20
No
Sag mir...
20.11.2017 09:48

Sage mir

... mit diesen Worten beginnt ein Spruch, der verschieden abwandelbar ist. Eine der häufigsten Varianten lautet: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist". Gern werden alte Sprüche ja verächtlich in die Kategorie „dummes Gerede“ eingeordnet. Doch nur zu oft steckt viel Wahres darin: Beobachtungen und Erfahrungen, die wiederholt erlebt und ausgesprochen zu eben jenen Sprüchen wurden.

Wer einmal das Leseangebot an Büchern und Zeitschriften näher betrachtet, wird wie ich überrascht sein, neben den gängigen Publikationen zu Politik, Computer und Auto bzw. Klatsch und Mode diverse „Newcomer“ zu entdecken, die jede Woche mehr Regalplatz erobern. Da ich diese Entwicklung seit einiger Zeit beobachte, habe ich inzwischen drei Kategorien dieser Lesetrends ausgemacht. Zur Kategorie 1 zählen diverse Arzt-, Heimat- und Julia-Romane, die von Idylle bis reich-schön-erfolgreich alle Wunschkategorien abdecken. Und das in wöchentlicher Fortsetzung. Neben dieser (Lese)Sehnsucht nach einer heilen Traumwelt gibt es - meine Kategorie 2 - das krasse Gegenteil davon: Science-Fiction, Action, Krimis, Horror. Das bisschen Jerry Cotton oder Western, das war gestern. Heute muss es brutal sein, pervers oder auch überirdisch, voller Grauen und Gewaltszenen. Von diesem Leseangebot genügen mir meist schon die Titel, um zu wissen, dass ich diese Werke niemals lesen werde. Wer konsumiert so etwas? Ich stelle mir das Leben dieser Menschen eintönig und ohne Herausforderungen vor. Sie brauchen einen Nervenkitzel. Oder geht es – wie so oft - um die Ausübung von Macht und Kontrolle? Besonders überrascht hat mich jedoch die Kategorie 3, die ich die „Beicht“-Werke nennen möchte. Menschen berichten von Schicksalen, Fehlern, Enttäuschungen. Also all das, was man früher einem nahestehenden Menschen anvertraute, um es einmal auszusprechen und so vielleicht besser bewältigen zu können. Die Tendenz, dies zu schreiben bzw. zu lesen, zeigt mir, dass die von Mensch zu Mensch praktizierte Variante bei vielen offenbar verloren gegangen ist. Menschen leben vereinzelt, haben niemanden mehr, der ihnen nahesteht und sich für sie Zeit nimmt. Dabei zeigt die Marktfähigkeit dieses Leseangebotes eindeutig, dass der Mensch die Nähe anderer Menschen braucht.

Was ich damit sagen möchte? Nun, ich möchte keine Sprüche machen, aber meine Beobachtungen bestätigen mir jenen alten Spruch auf's Neue. Er müsste abgewandelt nur lauten: „Sage mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist.“ 

© HB

Was lest ihr im November?
Durch die Nacht

Kommentare


Datenschutzerklärung